Vom Schmuck bis zur Nobelkarosse

Friedrichshafen - Mitten in der Stadt. Kein zwielichtiges Viertel, keine Schmuddelecke. Und trotzdem ein Ort, um den man vielleicht lieber einen Bogen macht und an dem man sich nichtunbedingt gerne sehen lassen will, oder? Seit knapp einem Jahr gibt's ein Pfandhaus am Franziskusplatz. Eher unauffällig, blickdichte Schaufenster-scheiben. Tägliche Öffnungszeiten, mittwochs geschlossen. "Es stimmt schon, dass in früheren Zeiten ein Pfandhaus in der Öffentlichen Meinung einen schlechten Beigeschmack hatte. Doch das ist schon lange nicht mehr so", sagt Ernst Weber, dessen Unternehmen im Bereich Scheideanstalt - Pfandhaus - Auktionshaus außer in Friedrichshafen auch Geschäftsstellen in Rottweil, Balingen, Tuttlingen, Singen, Konstanz, Villingen und Reutlingen hat. "Die Leute kom-men zu mir mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie zur Bank gehen", betont der Firmenchef, der seit 20 Jahren auch amtlich anerkannter Versteigerer und seit 1997 als Pfandleiherauch Mitglied im Zentralverband des Deutschen Pfandkreditgewerbes ist. "Seriosität, keine Hinterhofbeteiligungen": Diesem Gebot fühle man sichin jedem Fall verpflichtet. Anders gesagt: "Verbrecher oder Hehlerware wollen wir nicht. Wir arbeiten Hand in Hand mit der Polizei zusammen. Und beim geringsten Verdacht unterstätzen wie sie nach besten Kräften." Wer also geht ins Pfandhaus? Sind das nur die jenigen, die sich am unteren Rand des sozialen Spektrums befinden? "Nein", erklärt Ernst Weber. "Hartz-IV-Empfänger gehören zu meinen Kunden, genauso wie angesehene Geschäftsleute. Im Grunde Menschen aus allen Gesellschaftsschichten - eben Leute, die schnell und unbürokratisch Liquidität brauchen, um eventuell kurzfristigen Verpflichtungen nachkommen zu können - und trotzdem ihr Objekt gesichert haben wollen. Tendenz zunehmend. "Die Spanne dessen, was als Pfand angeboten wird, ist demnach groß undreicht von der Waschmaschine und vom Fernseher zu Kunstgegenständen allerlei Art, von der Briefmarken- oder Münzsammlung zum heiß geliebten Oldtimer, aber auch zu Schmuck im Wert von 80000 Euro oder zur nagelneuen Nobelkarosse. "Jemand wollte mir sogar einmal ein Pferd als Pfand anbieten. Das musste ich natürlich ablehnen", plaudert der Experte auch ein wenig aus dem Nähkästchen. Wie auchimmer: Mit Ramsch oder Plunder vom Dachboden oder vermeintlich "antiken" Möbeln aus Omas Haushaltsauflösung ist man im Pfandhaus in der Regel nicht an der richtigen Adresse. "Die Leihsumme beginnt bei etwa 100 Euro" in Ausnahmefällen auch schon mal bei 40 Euro. Grenzen nach oben? Keine ",heißt die Regel. Quasi ein Paradebeispiel: Ein - möglicherweise nicht mehr benötigter "Trauring wird als Pfand angeboten. Er wird gewogen, der Goldanteil ausgerechnet, der Scheideverlust abgezogen, der Tageskurs als Maßstab herangezogen. Der ermittelte Goldwert liegt bei 150 Euro. Der Kunde erhält ein Angebot, das etwas darunter liegt, vielleicht 100 Euro. Viel schwieriger werden Berechnungsverfahren bei Gegenständen, deren Wert vom Verkaufspersonal nicht soleicht auszurechnen ist. "Bei Grenzfällen komme ich oder ein Gutachter hinzu. Manchmal muss die Ware dann ein bis zwei Tage in Kommission gegebenwerden", erklärt Ernst Weber. Fakt ist, dass der Pfandschein auf drei Monate läuft. Danach gibt es noch einen Monat "Schonfrist", aber dann muss durch einen "bestellten und vereidigten" Auktionator versteigert werden. So will es die gesetzliche geregelte Pfandleihverordnung. Ausnahmen gibtes nur bei Gegenständen mit Börsen-oder Marktpreis, also beispielsweise Goldbarren. Wann und wo versteigert wird, das wird Öffentlich bekannt gegeben. Webers jüngste Versteigerung waram 1. September in seinem Auktionshaus in Rottweil. Sollte bei der Versteigerung ein "Mehrwert" erzielt werden, so steht dieser laut Gesetz dem ursprünglichen Eigentümer zu - aber nur dann, wenn er seine "Holschuld" einbringt und sich nach der Versteigerungund deren Ergebnis erkundigt. Tut erdas nicht, so geht das Geld an den Staat. "Allerdings kommt ein Mehrwert bei Auktionen nur sehr selten zustande",gibt Ernst Weber zu bedenken. "In der Regel geht die Ware zum Aufrufpreis über den Tisch." Und wenn bei der ersten Auktion kein Käufer gefunden werden kann, wird das Ganze beim nächsten Mal eben wieder angeboten. Etwa ein Drittel Stammkunden Ein Besuch im Häfler Pfandhaus. Sicherheitsschalter, diskreter Nebenraum, ruhige Atmosphäre wie in einer Bank. Zehn bis 20 Kunden pro Tag sind hier der Normalfall. "Etwa ein Drittelsind Stammkunden. Am meisten wird Goldschmuck gebracht, der auch zu 80 Prozent wieder abgeholt wird. Sehr beliebt ist auch hochwertige Elektronik wie PCs oder Handys", so die Erfahrungvon Filialleiterin Maria Romankowa, die auch bereitwillig über die Konditionen einer Pfandleih-Aktion Auskunft gibt. Je nach Gegenstand und Beleihungssumme werden demnach unterschiedliche Gebühren und Zinsen, die ebenfalls gesetzlich geregelt sind, fällig. Um zu einer Goldkette als Beispiel zurückzukommen: Bei einem Beleihsumme von 500 Euro wären das, erkärt Maria Romankowa, summa summarum 25 Euro im Monat. "Der Zinsanteil ist monatlich allerdings nur ein Prozent", sagt die Kundenberaterin, die wie alle ihrer Kollegen aus anderen Filialen eine sechsmonatige Schulung durchlaufen hat, nicht zuletzt um "Kruscht und Krempel" von Dingen mit Wert unterscheiden zu können. Ein junger Mann, knapp 30 Jahre alt, betritt den Laden. Er macht einen eherabgebrannten Eindruck - und bringt diversen Silberschmuck mit, zwei neuwertige Uhren inklusive Kaufbeleg von 99 und 150 Euro. Auch eine "Designerbrille" und eine schwere silberne Herrenkette mit Armband hat er dabei. Doch er wird enttäuscht: Maria Romankova prüft das Mitgebrachte und muss ihrem Kunden erklären, dass sie leider nichts davon brauchen kann. "Bei Uhren sind grundsätzlich nur Nobelmarken wie Rolex, Breitling oder Cartier beleihbar", sagt sie und gibt dem Mannaber einen Tipp mit auf den Weg: "Versuchen Sie es doch im Internet", sagt sie mit fühlend. "Ich habe kein Internet",sagt ihr Gegenüber, "ich kenne aber einen Kumpel, der eins hat." Wenige Minuten später betritt eine ebenfalls noch junge Frau in Jogginghosen das Pfandhaus. Vielleicht hat sie mehr Glück.

"Hartz-IV-Empfänger gehören zum einen Kunden, genauso wie angesehene Geschäftsleute. Im Grunde Menschen aus allen Gesellschaftsschichten - eben Leute, die schnellund unbürokratisch Liquiditätbrauchen, um eventuell kurzfristigen Verpflichtungen nachkommen zu können - und trotzdem ihr Objektgesichert haben wollen. Tendenzzunehmend." - Ernst Weber, Chef des Pfandhauses

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